Porzellanmodelle der Firma Goebel, ca. 1943-1945

Inv. Nr.: DPM 7.95 – DPM 7.107

11/2026

Die bis heute für ihre Hummel-Figuren bekannte Porzellanfabrik Goebel stellte zur Zeit des Nationalsozialismus auch der Ideologie entsprechende dekorative Porzellanplastiken sowie Abzeichen für das Winterhilfswerk, Geschirr, Kleinstisolatoren und solche Militärfahrzeuge im Miniaturformat her. Diese rau lasierten Panzer und Halbkettenfahrzeuge aus Feinkeramik waren jedoch keine Spielzeuge oder Dekorationsobjekte, sondern wurden für die Wehrmacht zur Taktikausbildung am Sandkasten hergestellt.

Sandkästen waren ursprünglich Holzkisten, in denen mit Sand und farbiger Kreide unterschiedliche Geländesituationen gestaltet werden konnten. Sie sind neben theoretischem Unterricht im Hörsaal und praktischen Geländeübungen zentral für die taktische Ausbildung und werden bis heute in unterschiedlichen Formen beim Militär verwendet. Je nach Gestaltung des Sandkastens kann beispielsweise die infanteristische Bewegung im Gelände und der Kampf der verbundenen Waffen geübt, Gefechtsübungen vor- und nachbereitet oder die Schieß- und Funkausbildung unterstützt werden.

Bei der Wehrmacht erhielten Offizieranwärter ihre Ausbildung an den Schulen des Heeres und Offiziere und Unteroffiziere absolvierten dort Lehrgänge. Den Unterricht mit Fahrzeugmodellen in Gelände- oder Straßennachbildungen kannten die Männer oftmals bereits aus ihrer Kindheit in den militarisierten Schulen und Organisationen des NS-Staates oder auch zivilen Fahrschulen. Im Nationalsozialismus sollten bereits Schüler mit einer militärischen Ausbildung am Sandkasten auf ihre Aufgaben als spätere Soldaten vorbereitet werden. Von selbstgebauten Fahrzeugen, Gebäuden und Figuren, über abstrakte Darstellungen mit farbigen Holzstäbchen bis hin zu eigens für die Wehrmacht hergestellten Holz-, Metallguss- oder Keramikmodellen wurde für die Sandkästen verwendet, was verfügbar war.

Während des Krieges strukturierte die Wehrmacht den Ausbildungsbetrieb und die Schulen stetig um. Mit dem Vorrücken der Alliierten wurden ab Sommer 1944 immer mehr Panzertruppenschulen geschlossen und in der Panzertruppenschule Bergen zusammengelegt. Ein regulärer Ausbildungsbetrieb war jedoch nicht mehr möglich. Neben dem Mangel an allem Ausbildungsmaterial, vor allem Fahrzeugen und Betriebsstoffen, wurde Bergen auch Ziel alliierter Luftangriffe.

In der Panzertruppenschule Bergen führte in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges ein Leutnant zur See die taktische Ausbildung am Sandkasten mit diesen Panzermodellen durch und übte die Panzererkennung eigener Modelle wie dem Panther und gegnerischer Panzer wie dem sowjetischen T-34, dem US-amerikanischen Sherman und britischen Churchill. Als Teil einer Marine-Infanterie-Division sollte er angeblich noch im Frühjahr 1945 als Führer von Panzervernichtungstrupps ausgebildet werden. Bevor er an die Frontlinie nach Kassel versetzt und die Schule im März 1945 aufgelöst wurde, nahm er die Figuren an sich. Er verkaufte sie im Jahr 1997 an das Panzermuseum.

Am 15. April 1945 nahmen britische Soldaten den Truppenübungsplatz Bergen ein und befreiten das anliegende Konzentrationslager Bergen-Belsen.

Quellen


W. Goebel Porzellanfabrik (Hg.): 1871 Historie und Vision 1996 – Festschrift anläßlich des 125jährigen Firmenjubiläums der W. Goebel Porzellanfabrik, Rödental 1996.

Ritgen, Helmut: Die Schulen der Panzertruppen des Heeres 1918 bis zum Aufbau der Bundeswehr, o.O. 1992.

Saß, Konrad: Sandkastenschule – Deutscher Geländesport – Ein Hilfsbuch für praktische Arbeit im Heim und Gelände, Berlin 1934.

https://www.bundeswehr.de/de/organisation/heer/aktuelles/freedom-shield-2026-gefechtsuebung-litauen/nachgebildet-geländesandkasten-6115234

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