Pervitindose (Reproduktion)

Inv. Nr.: DPM 7.446

01/2026

Das Metamphetamin „Pervitin“ kam 1938 ohne ausreichende Tests als Medikament auf den deutschen Markt. Es wurde gegen Asthma, Kopfschmerzen, Depressionen, Schizophrenie, zur Reanimation von Neugeborenen sowie zur Linderung des Leids von Krebspatient:innen empfohlen. Als leistungssteigerndes und wachhaltendes Mittel passte es in das Leistungsdenken der nationalsozialistischen Gesellschaft. Es wurde von Schichtarbeiter:innen, Fabrikarbeiter:innen, Wachleuten und Hausfrauen oder als Partydroge genutzt und sogar Schokoladenprodukten beigemischt. Aufgrund des hohen Suchtpotentials und physischem Kollaps bei Missbrauch wurde Pervitin zunächst verschreibungspflichtig und 1941 schließlich für den zivilen Gebrauch verboten.

Die Wehrmacht setzte das „Weckmittel“ bis Kriegsende ein. Truppenärzte verteilten es freigiebig, zum Teil ohne die Soldaten über die Wirkung und Nebenwirkung aufzuklären. Die offizielle Einführung ab 1940 wurde mit den guten Erfahrungen im Polenfeldzug begründet, ermöglichte jedoch auch die Begrenzung der bis dahin ungeregelten Ausgabe und Dosis. Laut des Heeressanitätsinspekteurs sollte „in besonderen Lagen“ zugunsten eines militärischen Erfolges keine Rücksicht auf eine etwaige Schädigung der Soldaten genommen werden. Für den Frankreichfeldzug erhielten Heer und Luftwaffe 35 Millionen Tabletten.

Durch Pervitin sollten die deutschen Truppen mit weniger Schlaf- und Ruhezeiten große Strecken ohne Pause überwinden können. Tatsächlich war die Wirkung auf den Einzelnen sehr unterschiedlich und schwer kalkulierbar, zudem fehlen Daten über den tatsächlichen Konsum. An der Ostfront wurde wesentlich weniger Pervitin ausgegeben, da der Abnutzungskrieg bereits ohne erzwungenen Schlafmangel kräftezehrend war. Im letzten Kriegsjahr erhielt Pervitin sein Comeback als „Fluchttdroge“: Soldaten nutzten es, um sich möglichst schnell aus schließenden Kesseln oder vor vorstoßenden Gegnern zurückziehen zu können. Einige Soldaten blieben auch nach dem Krieg Pervitinabhängig und trugen gesundheitliche Schäden. Heute wird die Droge illegal als Crystal Meth konsumiert.

Quellen

Hartmann, Volker: Neuro-Enhancement in der Wehrmacht am Beispiel von Pervitin – Sachstand und Quellenlage in: Wehrmedizinische Monatsschrift 2021/11. Abrufbar unter: https://wmm.pic-mediaserver.de/z202111/pdf/202111_wmm2021011_S404_Hartmann_Langfassung.pdf

Sagmeister, Peter: (Meth-)Amphetamineinsatz bei den britischen und deutschen Streitkräften während des Zweiten Weltkrieges. Ein Vergleich (Diplomarbeit), Graz 2019.

Steinkamp, Peter: Pervitin (Metamphitamine) tests, use and misuse in the German Wehrmacht, in: Eckart, Wolfgang U.: Man, Medicine, and the State – The Human Body as an Object of Government Sponsored Medical Research in the 20th Century, Stuttgart 2006.

Objekt des Monats

(kurz-)Geschichten aus dem Depot

Viele Objekte können aus konservatorischen Gründen in der Ausstellung aktuelle leider nicht gezeigt werden. Hier finden Sie ungewöhnliche Objekte und spannende Geschichten besonderer Stücke aus dem Depot